Rede zur Eröffnung der Ausstellung 'Fragmente und Übergänge' im Merdinger Kunstforum
am 22.09.2024 von Annette Hoffmann
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Rede zur Eröffnung der Ausstellung 'Warum ist Landschaft schön?' (mit BriGitte Rost) im T66 Kulturwerk
am 21.06.2024 von Dr. Antje Lechleitner
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Rezension der Ausstellung 'Bilder Petra Blocksdorf' im Centre Culturel Français Freiburg
in der Badischen Zeitung vom 26.01.2018 von Herbert M. Hurka
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Rede zur Ausstellungseröffnung im Centre Culturel Français Freiburg
am 18.01.2018 von Christiane Grathwohl-Scheffel
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Rede zur Eröffnung der Ausstellung 'Malerei auf Leinwand und Papier (2009-2015)' im Georg-Scholz-Haus Waldkirch
am 17.01.2016 von Dr. Antje Lechleitner
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Rezension der Ausstellung in der ehemaligen Synagoge in Weisenheim am Berg
in 'Die Rheinpfalz' vom 26.10.2011 von Sigrid Ladwig (gekürzt)
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Text zum Booklet der Ausstellung im Centre Culturel Français Freiburg 2004
von Dorothea Strauss (gekürzt)
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Text zum Katalog der Ausstellung in der Galerie Schwarzes Kloster Freiburg 1989
von Dr. Dorothee Höfert (Auszug)
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Wie für jede Bühne gelten auch für Dioramen Konventionen. Es gibt einen Vordergrund und einen Hintergrund, beides ist für die Illusion eines natürlichen Raumes wichtig. Es gibt eine Art Bühnenprospekt, der meist von spezialisierten Malerinnen und Malern ausgeführt wurde, so dass man sich das Habitat der Tiere oder Pflanzen gut vorstellen kann. Glasscheiben halten die Betrachterinnen und Betrachter auf Abstand. Und immer ist da ein Tier, das uns ansieht.
Die Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway hat sich 1984 mit den Dioramen des American Museum of Natural History kritisch befasst. In ihrem Aufsatz 'Teddy Bear Patriarchy: Taxidermy in the Garden of Eden, New York City, 1908-1936' (1) geht es um Teddy Roosevelt, das Jagen, das Ausstopfen von Tieren und wie diese Mittel der Belehrung wurden. Zwischen 1908 und 1936 hat der Präparator Carl Akeley ein Stück Afrika nach New York geholt. Er hat die Dioramen selbst entworfen, die Tiere in Zaire erschossen, sie ausgestopft und in lebensechten Situationen arrangiert. Akeley, der Malunterricht nahm, verstand sich als Künstler-Wissenschaftler.
In ihrem Essay schreibt Haraway: 'Ein Diorama ist vor allem eine Erzählung, ein Teil der Naturgeschichte. In dieser Erzählung werden die Kapitel der Natur aufgeschlagen und können mit bloßem Auge gelesen werden. Die Tiere in den Habitatgruppen verraten den Blick des Fotografen und des Bildhauers. Sie sind Akteure in einem Moralstück über die Natur und das Auge ist die kritische Instanz.' (2) Akeley fand nicht jedes Tier geeignet für sein Diorama, es musste die Art repräsentieren können. Noch einmal Haraway: 'Ganz buchstäblich typisierte Akeley Natur, er ließ Natur wahr werden durch Typen.' (3) Heute wirken diese Dioramen sehr aus der Zeit gefallen.
Petra Blocksdorfs Werkgruppe der „Tierwesen“ hat nicht in New York ihren Anfang genommen. Sondern im Naturhistorischen Museum in Karlsruhe, wo sie Tiere als Objekte in Dioramen und Schaukästen ausgestellt fand. Die Art der Präsentation hat sich in ihrem Kopf festgesetzt. Präparatoren wie Akeley haben getötet, um Tiere nicht sterben zu lassen, um sie über ihre bloße Existenz hinaus, zu Repräsentanten ihrer Art zu machen. Ihre eigenen Arbeiten setzen sich davon ab. 'Fragmente und Übergänge', so der Titel ihrer Ausstellung, lassen keine Typen im Sinne von Akeley entstehen. Sie ergeben kein Gesamtbild, sie sind nicht das fehlende Teil, das das Aufkommen einer bestimmten Art erklären könnte. Was wir stattdessen vorfinden, sind Wesen, die blind und nackt zu sein scheinen, denen die Dunkelheit ihr natürlicher Raum ist. Manche krümmen sich wie Embryos, andere haben spitze Zähne. Ein bisschen sehen diese Wesen aus als hätte die Nacht sie geboren.
Die Malerei kennt andere Paradoxien als das Präparieren. Petra Blocksdorf lässt sehr bewusst im Unklaren, was wir hier vor uns haben. Sind es konkrete Tiere, längst ausgestorbene Arten, Monster aus der Zukunft? Was Sie hier sehen, sind Stellvertreter einer mittlerweile auf gut 40 Papierarbeiten angewachsenen Werkgruppe. Petra Blocksdorf hat vor gut zehn Jahren mit ihr begonnen. Diese Tierwesen könnten auch aus einem Science-Fiction-Film stammen. Sie können eine Erinnerung sein, doch da es sich um Malerei handelt, sind sie immer noch fruchtbar und haben eine Zukunft. Das Letzte jedoch, was die Künstlerin mit dieser Werkgruppe will, ist Naturgeschichte zu schreiben. Überhaupt narrativ zu werden.
Einerseits sagt die Malerin, die in Berlin geboren wurde und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe ihr Studium als Meisterschülerin von Horst Antes abschloss, dass sie sich in die Natur hineinbegeben muss. Dass sie die Natur am eigenen Körper spüren muss. Andererseits richtet sie eine Distanz auf, die sich zwischen die Natur und die Betrachtenden schiebt. Wir wissen, dass die Tiere, die wir in Museen sehen, tot sind. Auf einem der großen Landschaftsbilder lassen sich Wassertropfen erkennen. Das Bild ist nach einer Fotografie entstanden, die Petra Blocksdorf auf einer Zugfahrt gemacht hat. Auch hier gibt es eine Glasscheibe, doch sie erhöht nicht die Illusion, dass wir mit der Natur eins wären, sie zerstört sie.
Wir sehen Strände, Einzeller und Birken vor uns. Doch die Birkenstämme sind angeschnitten und wachsen in einer Moorlandschaft oder im Wasser. Man kann nur schwer ausmachen, wie hoch das Wasser wirklich steht. Wir sehen ein Meer, das nicht in einer Horizontlinie auf den Himmel trifft. Die Farbgebung ist irgendwie quecksilbrig, Festes tendiert zum Flüssigen, Malerei ist auch Zeichnung und umgekehrt. Maßstäbe sind unzuverlässig, Wirklichkeit und Fiktion sind nicht zu unterscheiden.
Die Technik steht im Dienst des Motivs so wie das Motiv im Dienst der Technik steht. Petra Blocksdorf hat lange in Ei-Tempera-Technik gemalt, mittlerweile ist sie auf Acrylfarbe umgestiegen. Manchmal wie bei der Werkgruppe der 'Köpfe' wäscht sie die Farbe mit einer Bürste vom Blatt, bei den 'Tierwesen' schafft sie eine Verbindung zwischen Hinter- und Vordergrund, so dass sich die Körper aufzulösen scheinen und diese wie eine Aura aus dem Dunklen hervorleuchten. Und wenn sie die Kohlezeichnungen mit einem Fixierspray behandelt, dann so, dass ein an sich gegenteiliger Effekt eintritt: die Linie wird im Moment ihrer Auflösung fixiert. 'Ich will, dass eine Schwingung entsteht, dass das Bild unklar wird und eine Bewegung sichtbar wird', sagt sie.
Wären diese Landschaften und Räume real, niemand würde sich ihnen anvertrauen. 'Entgrenzte Räume', sagt Petra Blocksdorf dazu. Während sie entstehen, sucht die Künstlerin an eine Grenze zu kommen, sei es eine Linie, der Grat zwischen etwas Figurativem und etwas Abstraktem. Zugleich löst sie diese auf. Petra Blocksdorfs Bilder sind Areale der Entgrenzung. Räume mit unsicheren Achsen, aber Vervielfältigungen. Wir erfahren hier eine Offenheit, die etwas Strahlendes und Freies hat, aber auch etwas Dunkles.
Der Präparator Akeley wusste, dass seine Dioramen mindestens ein Tier brauchen, dessen Auge die Betrachterinnen und Betrachter suchen können. Petra Blocksdorfs Arbeiten fehlt nicht nur dieses Auge, sie führen uns auch vor, dass das Auge, um das 'kritische Organ' zu werden, sehr viel sehen muss.
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1: Donna Haraway, Teddy Bear Patriarchy: Taxidermy in the Garden of Eden, New York City, 1908-1936, in: Social Text No. 11, 1985-1985, 20-64.
2: a.a.O., S.24
3: a.a.O., S.34
'Warum ist Landschaft schön?', der Titel unserer Ausstellung bezieht sich auf das gleichnamige Buch des Schweizer Soziologen und Nationalökonoms Lucius Burckhardt. Jener begründete in den 1980er Jahren die sog. Promenadologie oder auch Spaziergangswissenschaft genannt. Dabei geht es um die Wahrnehmung von Landschaft und Burckhardt beschreibt, dass jeder die Landschaft entsprechend seiner eigenen Erwartung d.h. seiner Vorprägung sieht. Kindheitserinnerungen, etwa die Erzählungen der Großeltern, Reisen mit den Eltern, Bilder in Schulbüchern oder Klassenräumen spielen dabei eine wichtige Rolle.
Mich wundert es nicht, dass BriGitte Rost von diesem Buch begeistert war, denn schon vor der Lektüre des Textes betrieb sie selbst innerhalb ihrer 2008 begonnenen Reihe von 'Landschaften' eine Art von Promenadologie: Seit vielen Jahren geht sie mit dem Aquarellkasten nach draußen, sucht sich einen besonderen Punkt und überträgt die Farben, die sie dort sieht, auf ein Blatt. Diese Farbtafel steht dann für einen Eindruck, den sie in einer komplett abstrakten Form aufgezeichnet und mitgenommen hat. Eine ganze Reihe dieser Farbsammlungen auf Papier hat BriGitte Rost in der Ausstellung auf einer Wand versammelt. Die Künstlerin empfindet alle Farben der Natur als harmonisch. Sie blickte daher nicht nur in das Grün der Vegetation und auf verschiedene Blüten, sondern hielt sich auch am Ufer der Dreisam auf und schaute direkt vor sich auf den Boden. Die Künstlerin geht grundsätzlich sehr konzeptionell vor, und so auch in dieser Werkserie: Im Atelier wählte sie jeweils acht der gesammelten Farben aus und trug diese mit Acrylfarbe auf einen unbespannten Keilrahmen auf. Querformatig, wie typischerweise für Landschaftsbilder gedacht, hängen sich insgesamt 32 dieser Rahmen - klar geordnet in Blöcken - an zwei Wänden gegenüber. Ich kenne das Oeuvre der Künstlerinn schon seit langer Zeit und weiß daher, dass es in ihren verschiedenen Werkgruppen oftmals um die Schnittstelle zwischen Kunst und Design oder auch um die primären Grundlagen der Malerei geht. Immer wieder fragt sie, wann ein Bild ein Bild ist, also welche Bedingungen hierfür erfüllt sein müssen. So fragt sie also heute: Wann ist ein Landschaftsbild ein Landschaftsbild? In der Kunstgeschichte haben Farbharmonien schon immer eine große Rolle bei der Bildkomposition gespielt. Welche Erkenntnisse über eine Landschaft oder einen Ort kann man also alleine über den Einsatz von Farbe übermitteln?
Für ihre Untersuchungen über die Wahrnehmung von Farbe hat BriGitte Rost schon die verschiedensten und durchaus auch profanen Bildträger genutzt. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Werkserie, in der sie farbige Quadrate aus Eierkartons konstituiert hat. In unserem Fall nutzt sie den Rahmen als Bildträger, erhebt diesen zum Kunstwerk, macht aus ihm ein dreidimensionales Objekt, das verschiedene Farbfelder auf sich trägt. Wie schon gesagt, liegt der Ursprung dieser abstrakten Gestaltung in der Betrachtung von Natur, die Gestaltung hat sich allerdings von unserer Erwartungshaltung an ein Landschaftsbild und an bekannte Kategorien wie Blumenbild, Schwarzwaldlandschaft oder Rasenstück emanzipiert. Und das sogar in zweifacher Weise, denn wir sehen gar kein Bild, sondern ein Objekt und wir sehen auch keine gegenständliche Gestaltung, sondern klar voneinander abgegrenzte Farbfelder.
Ein weiteres Thema treibt die Künstlerin schon seit einigen Jahren um, immer wieder lässt sie sich schon von den Werken anderer Künstlerinnen und Künstler inspirieren. Die „Rückgriffe“ auf schon vorhandene Motive und Farbkombinationen empfindet sie als einen Akt der Befreiung, denn sie muss selbst nichts Neues erfinden, und genießt es, – bis zu einem gewissen Grad – in bereits existierende Bildwelten eintauchen zu dürfen. Das hat sie auch bei Werken Petra Blocksdorfs gemacht. BriGitte Rost war bei ihr im Atelier und hat sich die Farben von zwei Landschaftsbildern ihrer Künstlerkollegin einverleibt. Hier sehen Sie die beiden Arbeiten dazu. Die zwei Landschaften von Petra Blocksdorf hängen wiederum eine Etage höher, es handelt sich um die beiden roten Quadrate und um die zwei großen Querformate an der Ostwand.
Damit komme ich zu Petra Blocksdorf, die nun wiederum auf die Rahmung ihrer Landschaftsbilder verzichtet hat. Die Künstlerin zieht es schon seit vielen Jahren immer wieder in den hohen Norden. Schon öfter weilte sie auf Schloss Plüschow im Mecklenburgischen und die weiten, flachen Landschaften mit ihren Seenplatten und Ostseestränden haben sie in ihrem Schaffen stark beeinflusst. Dennoch lassen sich die von ihr gemalten Orte nicht exakt topografisch bestimmen, denn ihr gestischer Umgang mit Farbe ist nicht auf ein Abbild der Realität fokussiert. Die Arbeit an ihren Kompositionen geht immer zügig voran, die Handlung am Bild steht im Vordergrund und die Motive entstehen aus diesem Tun heraus. So ist das, was hier zügig aus dem Prozess des Malens heraus auf die Leinwand gebracht wurde, nirgends und überall. Alles Naturhafte wird in den Werken der Künstlerin zur Erscheinung, es wird transparent und streift die Züge des Individuellen ab. Petra Blocksdorf malt nicht was sie sieht, sondern was sie im Inneren ihrer Sujets erfühlt. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, dass wir eher in eine Innen- als auf eine Außenwelt blicken. Das, was auf ihren Werken festgehalten ist, könnte man daher als 'die Wesenhaftigkeit von Landschaft' umschreiben. Wir fühlen die Kälte des Winters, doch nur erahnen können wir die Zone, an der Strand und Wasser, Wasser und Himmel ineinander übergehen. Wir sehen sich in Farbe und Malerei auflösende, weite, flache und menschenleere Landschaften, entblättert von allen Details. Überdies schneidet die Künstlerin ihre Kompositionen stark von den Rändern her an, wodurch der Blick des Betrachters stark in das Bild hinein gezogen wird. Tief gehen damit diese Landschaften in uns hinein, fast haben wir das Gefühl, mit nackten Füßen im flachen Wasser zu stehen und dem Rauschen der Wellen zu lauschen. Petra Blocksdorfs Blick geht aber nicht nur in die Weite. Manchmal sucht sie auch die Nahsicht, etwa wenn sie mit ihren Augen ganz nahe an die Stämme von Birken heranrückt. In diesen Arbeiten bevorzugt sie das kleine Bildformat, das für sie Ausdruck für Verdichtung und Konzentration ist. Man ahnt, dass diese Motivfragmente wie ein Extrakt aus einer großen Menge von Material herausgefiltert wurden.
Bewusst hat die Künstlerin bei der Auswahl ihrer Bilder im T66 auf die Farbe Grün weitgehend verzichtet. Sie wollte nämlich den Innenraum spannungsreich mit dem Außenraum verbinden und hat den Blick durch das große Nordfenster in ihre Konzeption integriert. Drinnen finden wir also winterliche, flache, norddeutsche Landschaften und draußen blicken wir auf das satte Grün des Freiburger Schlossbergs. Diese Erweiterung des Ausstellungsraumes ist sinnvoll, den Petra Blocksdorfs Werke vertragen keine Einengung und sie erlauben auch keine dicht gedrängte Hängung. Sie dulden nicht einmal die Begrenzung durch Bilderrahmen.
Ich kenne die Werke von Petra Blocksdorf ebenfalls schon seit langer Zeit und ich weiß, dass sie die Farbe Rot besonders liebt. Sie kommt in allen Nuancen, vom hellen Rosa bis zum Dunkelrot in ihrem Oeuvre vor. Rot ist eine Farbe, die zum Körper gehört und betrachtet man die rötlichen Spuren in einem ihrer Meeresbilder, so könnte man in der Tat die im Wasser schwimmenden Leiber von Menschen assoziieren. Mich erinnerten die beiden roten, quadratischen Kompositionen durch die kleinteilig aufgetupften Pinselstriche an Claude Monets Bild 'L impression de soleil levant', doch natürlich könnte man genauso die Idee von Blut damit verbinden, das sich in alle Richtungen verströmt. Petra Blocksdorfs Werke entziehen sich absichtlich der Eindeutigkeit. Sie sind bewusst offen gehalten, beschreiben Übergänge und vollenden sich in uns als den Betrachtenden, wenn wir uns die Zeit nehmen, vor ihnen zu verweilen und über diese Begegnung nachzudenken.
Sehr geehrte Damen und Herren, BriGitte Rost und Petra Blocksdorf haben das Konzept ihrer Ausstellung speziell für das T66 entwickelt, denn die Situation mit den beiden klaren, übereinanderliegenden Räumen eignet sich perfekt für ihren auf den ersten Blick unterschiedlichen, doch innerlich durchaus verknüpften Umgang mit dem, was 'Landschaft' in der Malerei alles sein kann.
Ich wünsche Ihnen nun viel Freude mit dieser gelungenen Ausstellung und möchte Ihnen auch das Buch von Lucius Burckhardt 'Warum ist Landschaft schön?' zur Lektüre empfehlen.
Ihre Landschaftsbilder sind sichtbare Stille: Petra Blocksdorfs nordische Landschaften im Centre Culturel Français weiten sich zum Meer und zum Horizont in feinabgetönten Hellblaus, deren authentische Lichtwirkung sich der Eitempera-Technik und dem Gebrauch spezieller Naturpigmente verdankt. Die parallelen Horizontalen verlieren sich in einem weitläufigen Panorama, dessen Mittelpunkt kein die Szene beherrschender Malerblick besetzt. Ein Eindruck, der vor allem daher rühren dürfte, dass diese Küstengegend in Mecklenburg-Vorpommern ergangen ist, von der Künstlerin zu Fuß durchmessen, nicht zuletzt, um die Nachbilder der Wanderungen malerisch umzusetzen. Zum Vorschein kommt eine unberührte, dennoch melancholische Natur mit durchaus dunklen Akzenten.
Der zurückgenommene Duktus der Landschaften bleibt unverändert auch in der zweiten Werkgruppe. Hier jedoch offenbart die Natur ein höchst beunruhigendes Gesicht. Kleine Formate, zentriert auf die Konterfeis fremdartiger Hautwesen ohne erkennbare Sinnesorgane reißen einen starken Kontrast auf zu der klaren Seelandschaft. Gesichtslose Androiden oder ein aus einem dunklen Nicht-Ort sich ins Bild schiebendes Tier werden lesbar als Zeichen einer aufgegebenen Natur. Indem diese teils albinohaften Kreaturen durch das definiert sind, was ihnen fehlt, offerieren sie Leerstellen für allerlei Projektionen und könnten daher vieles sein: Strahlenopfer, Retortengezücht, genetische Deformationen, aus dem All hereingeschneit oder unentdeckte Spezies aus dem Erdinnern – Science-Fiction ebenso wie Aktualitäten aus der Wissenschaft.
Zwar mit menschlichen und tierischen Proportionen, doch weder mit Augen noch Ohren ausgestattet, lösen diese Kreaturen verunsichernde Reflexe aus: Wiedererkennen und Zurückschrecken sind eins, wobei die unspektakuläre Eitempera-Technik eine Vertrautheit herstellt, als beabsichtigte die Künstlerin nichts weiter, als harmlose Porträtbilder zu malen.
Da die zwei Werkgruppen in der Ausstellung durchmischt hängen, liegt es nahe, die Landschaften und Phantasiegeschöpfe aufeinander zu beziehen, so dass die Menschenleere unter dem grau-blauen Himmel plötzlich eine unheilvolle Aura ausstrahlt. Solche Ambivalenzen sind charakteristisch für Petra Blocksdorfs Arbeit. Auf nichts nämlich ist Verlass. Die Landschaften werden instabil, wo der Boden von spiegelnden Wasserflächen durchsetzt ist, und so unheimlich die Figuren wirken, so schutzlos erscheinen sie gleichzeitig. Die Zwiespältigkeit setzt sich fort bis in den Malstil, der bei aller Großzügigkeit des Pinselduktus und besonders bei den Landschaften zur Abstraktion tendiert, jedoch stets präzise und nachhaltige Eindrücke von den Sujets vermittelt. So wird selbst die Stille doppeldeutig: befreiend und bedrückend, harmonisch und finster.
Petra Blocksdorf zeigt in ihrer ersten Ausstellung des neuen Jahres Bilder, die hauptsächlich in den letzten drei Jahren entstanden sind. Es ist eine Auswahl von Leinwandbildern und Papierarbeiten. Die Themen ihrer Kunst sind Landschaften, Tiere und auch einige Pflanzen mischen sich darunter. Die Werke wirken auf den ersten Blick zurückhaltend, kleine Formate und tonige Farbigkeit. Beim Betrachten wird schnell klar wie eindringlich und intensiv sie sind und wie wenig man sich ihrer Präsenz entziehen kann.
Die Landschaften, fast ausschließlich Querformate, geben nordische Gegenden wieder. Sie sind charakterisiert durch Weite, Andeutungen von Wasser, Himmel und Horizont. Sie sind nicht direkt abbildhaft, aber auch nicht völlig abstrakt. Die flache Seenlandschaft von Mecklenburg-Vorpommern spiegelt sich in den Bildern, wo Petra Blocksdorf sich in den letzten Jahren immer wieder mit einem Arbeitsstipendium auf dem zwischen Wismar und Lübeck gelegenen Schloss Plüschow aufgehalten hat. Ostseestrände aber auch Nordseeansichten wie auf der Insel Amrum mit ihren endlos weiten Sandstränden, die besonders im Winter ihre magische Leere entfalten, regen die Künstlerin zu ihren Bildern an. Diese Landschaften sind durchzogen von Wasserarmen, in denen sich der Himmel spiegelt. Sie sind gegliedert und unterteilt durch grünliche Vegetation, Büsche, Bäume, die sich zumeist unter der Horizontlinie vertikal erstrecken. Die norddeutschen Landschaften zeichnen sich durch Kargheit und einen hohen Himmel aus, die Wolkenbilder spielen eine große Rolle, der Wind, das Wasser, die Einsamkeit, alle Elemente werden körperlich mit allen Sinnen erfahren. Auf langen Spaziergängen sammelt Petra Blocksdorf Eindrücke, zieht sich voll mit Weite, Luft und Licht. Die Bewegung in der fast menschenleeren Umgebung, der Blick, der nur durch die Horizontlinie begrenzt wird, schafft die Voraussetzung für die später im Atelier entstehenden Bilder. Den Arbeitsprozess von Petra Blocksdorf könnte man als passive Aktivität oder auch andersherum als aktive Passivität bezeichnen. Das heißt, sie wartet, bis sich die Bilder ihr Stück für Stück enthüllen, quasi freiwillig zu ihr kommen. Sie tastet sich an die Bilder heran. Alles Absichtsvolle wird bei diesem kreativen Prozess vermieden. Die konkreten Gegenstände sind ohne Bedeutung, ob die dunklen Formelemente ein Waldstück oder eine Buschreihe bezeichnen spielt keine Rolle. Das Ungefähre, Vage bleibt im Bild immanent und folgt seiner eigenen Regelhaftigkeit. Was sich dann auf den meist kleinen Leinwänden verdichtet, ist eine Essenz des Gesehenen. Dafür bedarf es keiner großen Bildformate. Das größte verwendete Format ist 80 x 100 cm, die meisten sind kleiner, 30 x 30cm und noch kleiner. Diese Landschaftsbilder sind angeregt von real vorhandenen geographischen Gegebenheiten, wollen aber kein genaues Abbild derselben sein. Alles konkret zu Benennende wird vermieden. Hier geht es um die Überschneidung oder vielleicht genauer um das Ineinanderfließen von Innen und Außen. Es sind mit Malerei geschaffene Vexierbilder, in denen Verflechtungen von Wahrnehmungen sich ereignen. Gefühle und Sinneseindrücke emulgieren und fließen in den Bildern zusammen.
Auch die Wahl des Farbmediums, die selbst hergestellte Eitempera, prägt den Charakter der Bilder. Helle Grau-, Blautöne dominieren, durchzogen von gedämpftem Grün und Ocker. Das Farbspektrum spiegelt eine zurückhaltende Tonigkeit, alles Grelle, Laute wird zurückgenommen. Die Temperafarbe ist empfindlich und bricht leicht. Sie kann zwar in mehreren Schichten übereinander gemalt werden, muss aber mit Gefühl und Erfahrung gehandhabt werden, damit die Bildoberfläche nicht unter Spannung gerät. Immer wieder schabt Petra Blocksdorf Stellen ab, an denen die Farbe zu dick geraten ist. Auch das trägt zur besonderen Wirkung der Bilder bei. Sie benutzt keinen Firnis, die Oberfläche soll nicht glänzen, sondern matt auftrocknen. Dadurch bleibt die Fragilität der obersten Malschicht erhalten. Die Farbmembran ist wie ein dünnes Häutchen, sie ist empfindlich. Mit den Bildern muss sorgsam umgegangen werden. Auch die Tatsache, dass die Künstlerin selten Rahmen verwendet, spiegelt die Absicht, die Bilder direkt wahrnehmbar zu belassen, das nicht Geschlossene, leicht Verletzbare und Durchlässige ist ein wichtiger Bestandteil dieser Werke.
Die zweite Motivgruppe in dieser Ausstellung sind die Tierbilder. Es sind keine wirklichen Tiere, keine Porträts einer bestimmten Gattung, sie erinnern lediglich an Hunde, Schafe, o.ä. Dennoch scheinen sie alle zu einer „Familie“ zu gehören. Bleiche Geschöpfe, in ihrer Entwicklung nicht fertig, vereinzelt und isoliert. Sie wirken wie Embryonen, die zu früh aus dem Mutterleib gekommen sind oder lassen an Geschöpfe in Reagenzgläsern denken. Sie haben etwas Bedauernswertes, ein wenig Unheimliches an sich. Die Körper sind immer sehr helltonig, fast weiß gemalt, wie nackte Haut, ein Fell hat sich nicht gebildet und umgeben sind sie von tiefdunkler schwarzbrauner Farbigkeit. Man kann sie nicht verorten. Oft sind nur Körperausschnitte dargestellt, ein Oberschenkel, eine Pfote. Immer wieder sind Köpfe nahsichtig von vorne zu erkennen, die einzelnen Organe, wie Augen, Ohren, Münder nur angedeutet oder ganz weggelassen. Die Köpfe sind zu Schädeln reduziert, die Knochenplatten werden sichtbar. Die Kreaturen, in ihrer Unfertigkeit und Verletzlichkeit, scheinen wie Innenbilder, die aus unheimlichen Träumen kommen. Ihre vage, amorphe äußere Erscheinung ist beabsichtigt, alles Konkrete, eindeutig Benennbare wird in diesen Bildern vermieden. Dinge sollen offenbleiben, nur angedeutet werden. Im Weglassen liegt für Petra Blocksdorf die hohe Kunst. Ein Zuviel, auch an Farbigkeit, wird sorgfältig vermieden.
Eine eigene Werkgruppe in dieser Ausstellung bilden die irischen Aquarelle. Im Jahr 2016 nahm Petra Blocksorf am „Cill Rialaig Project“ teil und hielt sich einige Wochen in Kerry/Irland auf. Am äußersten westlichen Zipfel Irlands gelegen, die Weiten des Atlantiks vor Augen und umgeben von der einsamen, rauen Natur, können Künstler in einem verlassenen Dorf mit einzelnen wiederaufgebauten Steinhäusern erfahren wie es ist, ohne jede zivilisatorische Ablenkung - kein Fernsehen, kein Telefon, kein Internet - ganz auf sich selbst zurückzukommen. Petra Blocksdorf erlebte dort den Zustand „der Fremde am Ende der Welt“. Entblättert von allem, schuf sie in dieser Zeit 15 Aquarelle. Auf weiß belassenem Papier finden sich, in der Mitte des Blattformats, miniaturhafte Bildzeichen. Sie sind einzelne Setzungen, ohne Korrekturen oder Überarbeitungen, auch hier als Andeutung von Körperhaftem nicht zu Bestimmendem. Diese schwer lesbaren Bildzeichen stehen in konzentrierter Dichte auf dem von der Feuchtigkeit der Aquarellfarbe leicht gewellten Papier wie Hieroglyphen, deren Verständnis sich uns entzieht. In dem Vagen und Ungefähren, den Andeutungen und dem fragilen Gleichgewicht von Sagen und Nichtsagen liegt die große Kraft der Malerei von Petra Blocksdorf.
Die Malerei von Petra Blocksdorf bringt Tiere und Landschaften auf Leinwand und Papier. Es fällt auf, dass diese beiden Sujets nur sehr selten im selben Bild aufeinander treffen. Das heißt: Zumeist sehen wir entweder Tiere oder Landschaften. Betrachten wir die ausgestellten Arbeiten, dann wird allerdings schnell klar, dass ein rätselhafter Zusammenhang zwischen beiden Motiven besteht. Vielleicht könnte man sagen, dass die von Petra Blocksdorf gezeigten Orte mit ihren merkwürdigen Wasserspiegelungen und Motivverdoppelungen ebenso wenig die Außenwelt zeigen, wie sich ihre dünnhäutigen Huftiere und weißen Geisterhunde einer Tiergruppe zuordnen lassen. All das, was hier zügig aus dem Prozess des Malens heraus mit Eitemperafarbe auf den Malgrund gebracht wurde, ist nirgends und überall, es ist alles und nichts. Sowohl die Tiere als auch die Landschaften befinden sich in einem Zustand, der als Zwischenstadium von "noch-nicht" und "nicht-mehr" beschrieben werden könnte.
Bevor ich näher auf diesen Aspekt eingehe, will ich Ihnen die Künstlerin zunächst mit einigen biografischen Eckdaten näher vorstellen. Petra Blockdorf wurde in Berlin geboren, sie studierte an der Kunstakademie Karlsruhe und war dort Meisterschülerin von Horst Antes. Seit 2004 verfügt sie über einen Lehrauftrag für Malerei an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. Stipendien haben sie in den vergangenen Jahren u.a. nach Paris und Mecklenburg-Vorpommern geführt, in diesem Jahr wird sie zu einem Studienaufenthalt nach Irland aufbrechen.
Kehren wir zu den Tiere und Landschaften der Künstlerin zurück. Die ausgestellten, 64 Arbeiten entstanden in den letzten 6 Jahren, also zwischen 2009 und 2015. Doch schon weitaus länger arbeitet die Künstlerin mit einer selbst hergestellten Eitemperafarbe, die im Wechsel deckend und lasierend aufgetragen und teilweise auch wieder abgekratzt wird. So legt sich Schicht um Schicht nieder, bis eine trockene, stumpfe und spröde Oberfläche entsteht. Auf eine schützende Firnisschicht verzichtet die Künstlerin, sie will, dass die Pinselspuren und der Malprozess sichtbar bleiben und die übermalten Partien zur Oberfläche aufscheinen und den Bildraum weiten. Unschwer lässt sich in dieser Ausstellung erkennen, dass Petra Blocksdorf das kleine Format liebt, ihre größte Komposition hängt wie ein Schlussbild im Obergeschoss, misst 1,20 x 1,10 cm und zeigt eine Landschaft. Die Arbeit an ihren Kompositionen geht immer zügig voran, die Handlung am Bild steht im Vordergrund und die Motive entstehen aus diesem Tun heraus. Vielleicht ist das auch der Grund, und damit kehre ich zu meinen anfänglichen Ausführungen zurück, warum sich ihre Themen nicht voneinander trennen lassen. Betrachten wir beispielsweise dieses Tier hier links von mir, dann finden sich in seinem Körper Bereiche, die auch landschaftliche Aspekte eröffnen und formatfüllend in Landschaften wie diese übergehen könnten. überdies hat man den Eindruck, als hätte sich der große dunkle Sepiauntergrund der Tiere in den Landschaften zu diesen kleinen dunklen Bereichen zusammengezogen. Was ist hier nur passiert? Hat die Grenzenlosigkeit der Landschaft auf die Fauna übergegriffen oder war es umgekehrt? Wir vermögen das nicht zu entscheiden, denn alles Naturhafte wird in den Werken dieser Künstlerin zur Erscheinung, es wird transparent und streift die Züge des Individuellen ab. Warum die Tiere nie wirklich in die Landschaften eintreten, warum sie im großen Nirgendwo ihres Umfeldes verharren? Vielleicht, weil sie in dieser Art von Natur keinen schützenden Lebensraum finden. So bleiben diese Wesen in ihrer eigenen Welt und tragen ihre Fremdheit von außen in die benachbarten und nicht minder fremden Landschaften hinein.
Interessanterweise fand die Künstlerin durch den inzwischen ausgestorben Beutelwolf zur Beschäftigung mit dem Thema "Tier". Dieser große Fleischfresser existiert seit den 1930er Jahren nur noch auf Zeichnungen und Fotografien. Damit sind also Bilder zwischen seine reale Existenz und unsere Wahrnehmung gerückt. Diese Tatsache spielte sicherlich bei Petra Blocksdorfs Beschäftigung mit der Fauna eine Rolle, denn auch die von ihr dargestellten Tiere wirken seltsam fremd und unserer Realität entrückt. Nie verfügen sie über ein Fell und nur selten über Augen und Ohren. So mag man diese Wesen eigentlich gar nicht als Tiere, sondern eher als Kreaturen ansprechen. Mit durchscheinenden, hellen Körpern stehen sie vor einem nicht weiter perspektivisch gekennzeichneten, zumeist dunklen Grund. Der Blick in ihr Innerstes geht hingegen so tief, dass man meint, die Organe unter der dünnen Haut erahnen zu können. Es bleibt bei der vagen Ahnung, denn Petra Blocksdorf vermeidet jegliche erzählerische Ebene, diese seltsamen Erscheinungen faszinieren alleine durch ihr Hiersein und ihre Wesenhaftigkeit. Treten sie gar im Doppelpack als Zwillingsbilder auf, so gleitet der Blick hin und her, staunend sucht man das Rätsel um ihre Identität zu lösen.
Ähnliches gilt für die Landschaften, die sich nicht eindeutig identifizieren und damit verorten lassen. Dennoch fließen Vorhandenes und Gesehenes - aber eben in stark verwandelter Form - in ihre Kompositionen ein. Ich weiß beispielsweise, dass es Petra Blocksdorf immer wieder in den hohen Norden zieht. Schon öfter weilte die Künstlerin im Mecklenburgischen auf Schloss Plüschow. Mecklenburg-Vorpommern - mit seinen Seenplatten und Ostseestränden - hat Petra Blocksdorf in ihrem Schaffen stark beeinflusst, hier begann sie sich auch erstmals intensiver mit dem Thema "Landschaft" zu beschäftigen. Auch ihre zahlreichen Aufenthalte auf der Insel Amrum flossen in die Bildfindung ein. Wasser spielt überhaupt eine wichtige Rolle, etwa wenn bizarre Spiegelungen den Bildraum um eine zusätzliche Ebene erweitern. Oben finden Sie eine überschwemmte Landschaft mit einem Baum, welche die Künstlerin aus dem Zug heraus sah, und generell liebt die Künstlerin diese offenen, weiten und flachen Landschaften, deren sanfte Hügelzüge, Wälder und Seen von allen Details entblättert sind. Dennoch bleibt die Erkenntnis, dass Petra Blockdorfs Landschaften sich nie eindeutig auf einen ganz bestimmten Ort festlegen lassen. Ihre Außenräume sind nirgends und überall. Sie verkörpern etwas, nach dem man mit der Umschreibung "die Wesenhaftigkeit einer Landschaft" fassen könnte.
Bei der Zusammenfassung von Farbe und Raum geht der Blick von Petra Blocksdorf nicht nur in die Weite. Manchmal sucht sie auch die Nahsicht, studiert Pflanzenteile, etwa eine grafisch anmutende Blattstruktur, Pflanzenstängel oder Birkenrinden. In diesen Arbeiten bevorzugt sie das ganz kleine Bildformat, das für sie Ausdruck für Verdichtung und Konzentration ist. Man ahnt, dass diese Motivfragmente wie ein Extrakt aus einer großen Menge von Material herausgefiltert wurden.
Neben den Eitemperaarbeiten zeigt die Ausstellung blaue, figürliche Pinselzeichnungen, die mit Tusche und Aquarell ausgeführt wurden. Diese Werke entwickelten sich aus früheren Eitemperabildern heraus, und ich will diese Entwicklung kurz schildern: Als ich nämlich im Januar 2000, also vor ziemlich genau 15 Jahren meine erste Einführung für Petra Blocksdorf gehalten habe, da arbeitete sie noch ausschließlich in der Eitemperatechnik. Einzelne, einsame Figuren hielten sich in Innenräumen auf. Es dominierte die Farbe Rot, die in allen Nuancen, vom hellen Rosa bis zum Dunkelrot vorkam. Zwei Jahre später, im Jahr 2002, verließen diese Figuren die Leinwand und wanderten in die - zunächst - ebenfalls roten Papierarbeiten ab. Petra Blocksdorf liebt den Rhythmus, der bei dieser Art der Notation auf dem Papier mit noch größerer Schnelligkeit vor sich gehen kann. Inzwischen existieren auch schwarze, sepiafarbene und - wie wir in der Ausstellung sehen - auch blaue Pinselzeichnungen. Sie zeigen, wie sich die Leere des Hintergrundes mit der inneren Leere der Figuren verbindet. Auf Raumangaben wird konsequent verzichtet und jegliche Andeutung von Körperlichkeit wird durch ein die Fläche betonendes Streifenmuster verhindert. Das Blattformat wird so zur Bühne für den Auftritt von reglosen Menschen, die frei von Alter und Geschlecht sind. Schemenhaft entsteigen sie ihrem Untergrund und warten auf den Moment des endgültigen Verschwindens. Es gefällt mir sehr gut, dass die Künstlerin diese Blätter in verschiedensten Arten der Hängung präsentiert. Nur wenige sind gerahmt, viele schweben wie eine flüchtige, körperlose Erscheinung vor der Wand.
Auf einigen Arbeiten greifen die Motive der Künstlerin auf einer ganz formalen Ebene ineinander. Bei der kleinen Arbeit im Nebenraum müssen wir uns fragen, ob wir ein vogelartiges Wesen oder den Hinterkopf einer Person mit langem Haar vor uns haben. Petra Blocksdorfs unbetitelte Eitemperabilder geben darauf keine Antwort. Sie sind bewusst offen gehalten, beschreiben Übergänge und vollenden sich im Betrachter, der vor ihnen verweilt und über diese Begegnung mit dem Fremden, dem Namenlosen, nachdenkt. Jedes einzelne Bild bekommt damit den Sinn, den der Betrachter ihm gibt.
Weder ihren Werken noch der Ausstellung in der ehemaligen Synagoge in Weisenheim am Berg, die am Samstag eröffnet wird, gibt Petra Blocksdorf Überschrift und Titel. Ihre zumeist in Eitempera gemalten Bilder zeigen stille Räume, mitunter auch vereinzelte Menschen.
Die Räumlichkeiten beherbergen durchaus Widersprüchliches, erscheinen offen und hermetisch zugleich: Zwar kann der Blick des Betrachters ungehindert die geschachtelten und gestaffelten Flächen entlang schweifen, geht dabei durch türartige Durchbrüche und entdeckt in der hintergründigen Tiefe einige möbelartige Einrichtungsstücke. Und doch geht von diesen schmucklosen Räumen eine unnahbare Fremdheit aus. Wo menschliche Anwesenheit angedeutet wird, bleibt sie stumm und distanziert wie die eines flüchtigen Gastes.
Die in Weisenheim präsentierten Arbeiten der 1955 in Berlin geborenen und heute als Dozentin für Malerei an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg tätigen Künstlerin sind auf Leinwand, Pappe und Papier gemalt. Die meisten sind kleinformatig, so auch eine Reihe von Aquarellen auf Papier. Spontan entstanden, zeigen sie Menschen in einschneidenden, ja existentiellen Situationen. Das Tiefgreifende dieser durchlebten Momente scheint durch die rote Farbe der meist in Umrissen gezeigten Figuren noch hervorgehoben. Schmerzlich ist etwa der entscheidende Augenblick einer Trennung: Eine Figur hält die Gestalt eines kleinen Kindes in den Armen. Eine andere geht, ist dabei nur noch mit dem Rücken zu sehen und verblasst schon wie endgültig verloren.
Der emotionale Ausdruck dieser Bilder drängt sich jedoch niemals auf, vielmehr wirkt er zurückhaltend, fast in sich verschlossen. Gefühle erscheinen höchstens angedeutet. Sie nachzuempfinden bleibt der Bereitschaft des Betrachters überlassen. Wohl auch deshalb vermeidet Petra Blocksdorf, den Inhalt ihrer Arbeiten mit Titeln festzulegen.
So unaufdringlich sie mit ihren Aussagen bleibt, so zurückgenommen ist die Farbpalette. Rose, Beige, sowie Braun-, Ocker- und Grautöne herrschen vor. Verhalten wirken auch die Oberflächen der Bilder. In Eitempera, die sie selbst herstellt, legt Petra Blocksdorf Schicht um Schicht übereinander. Die sparsam eingesetzte Farbe trocknet stumpf und gedämpft auf. Teilweise wird sie wieder angeschmirgelt und abgerieben, sodass sie spröde, kratzig oder flockig erscheint.
Solche Differenzierungen machen bestimmte Flächen zu eigenständigen Spielräumen innerhalb des Bildgefüges. Zugleich lassen sie den Betrachter am Prozess ihres Entstehens teilhaben. Andere Flächen bleiben teilweise durchscheinend, sodass sich streifen- und bandförmige Strukturen hintergründig durch vorhangartige Gebilde ziehen. Eindeutig festlegen lässt sich dabei kaum etwas Gegenständliches, denn die Künstlerin verfremdet ihre Formen konsequent bis hin zur Abstraktion.
Die Menschen, die der Betrachter hin und wieder wahr nimmt, wirken vereinzelt und nicht wirklich präsent. Im Gegenteil setzt sich in ihnen das Schweigen der umgebenden Räume fort. Ins Lesen vertieft, hinter einer Wand halb verschwindend, durchsichtig gestaltet oder in doppelten Umrisslinien verschwimmend , bleiben diese befangenen Gestalten schemenhaft und unerreichbar. (...)
In der Malerei von Petra Blocksdorf dominiert immer wieder die Farbe Rot. Die assoziativen Verbindungen zu dieser Farbe sind vielfältig aufgeladen und reichen von Energie, Aktivität und Erotik bis zu Hass, Aggressivität oder Unmoral. Doch gemeinsam ist allen Assoziationen, Zuschreibungen oder Metaphern eine gewisse emotionale Schwere und zugleich Stärke. Blocksdorf geht jedoch auffällig atmosphärisch präzise mit dieser Stärke um, indem sie unterschiedliche Rot-Töne in feinen Abstufungen zu einander stellt und somit den emotionalen Ausdruck der Farbe Rot räumlich begrenzt: Hauptmotiv ihrer Bilder sind häufig Innenraumkonstellationen, in denen nur hin und wieder schemenhaft Personen auftauchen.
(...) Petra Blocksdorf platziert sie in die Räume hinein wie Erinnerungsschnittstellen und schafft dabei einen ambivalenten Zustand zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, denn die Figuren behaupten sich nur skizzenhaft und in der Anmutung unfertig in der Bildrealität.
Der malerische Diskurs von Petra Blocksdorf spannt sich von einer figurativen Behandlung der Motive bis zur abstrakten Auflösung des Gegenstands in Form und Farbe. Dieses Spannungsverhältnis ist es schlussendlich auch, das ihre Malerei in einem diffusen Schwebezustand zwischen einer gedachten und erlebbaren Realität hält: Raum zeigt sich in Blocksdorfs Arbeiten als Metapher für einen sowohl inneren wie auch äußeren Zustand. Die Offenheit der räumlichen Situation hinsichtlich ihrer Eindeutigkeit/Mehrdeutigkeit schafft für die Betrachterinnen und Betrachter eine spielerische Möglichkeit eines gedanklichen Verweilens in den Bildern, die sich durch das Grundmotiv (Innenraum) geradezu verdoppelt: der Raum, den man sieht, schafft die Projektionsfläche für den Raum, in dem man empfindet. Dies bedeutet, dass eine sehr persönliche Ebene - die der persönlichen Empfindung - auf eine allgemeingültige trifft, in der gewisse Fakten als gesichert behandelt werden können. Diese Fakten lassen sich als Wände, Durchgänge oder auch Möbelstücke beschreiben, doch eingebunden in die malerische Behandlung der Formen und Flächen erscheinen letztendlich auch sie als schwebender Beweis einer Realität, die sich selbst nicht ganz sicher zu sein scheint. Forciert wird diese Situation noch durch die Wahl der meist kleinen bis mittleren Formate: es entsteht ein stark komprimierter Raum, der die Betrachterinnen und Betrachter dazu verleitet, sehr nahe an das Bild heranzutreten und doch gleichzeitig aufgrund seiner starken Farbpräsenz in die Ferne wirkt. Auch hier inszeniert Petra Blocksdorf feine Abstufungen zwischen Distance und Nähe, und diese beziehen sich auch auf einen reflexiven Umgang mit dem Thema Bildrealität: die inszenierten Räume basieren auf fiktiven Entscheidungen, doch ihre Auswirkungen in die Wirklichkeit erscheinen sehr real.
Auf den auffallend kleinformatigen, vorwiegend aus Rottönen entwickelten Bildern von Petra Blocksdorf sind Ausschnitte von nur vage konstruierten Räumen zu sehen. Die wenigen Gegenstände, die sich darin befinden, tragen kaum zur Klärung der Raumsituation bei. Wände und Fußböden scheinen eigentümlich kulissenhaft, eher andeutungsweise und bilden nur selten rechte Winkel. Klare Konturen und Begrenzungen werden überspielt, brechen ab, gehen über in die kleineren und größeren Flächen, aus denen die Interieurs nicht so sehr gebaut, als vielmehr verwoben sind. Jeweils eine einzelne Figur tritt in den Räumen auf, manchmal wie beiläufig auf einem Teppichstück stehend, dann wieder halb versunken in einem Sessel sitzend oder wie leblos flach ausgestreckt auf einem Bett liegend. Geschlecht, Alter oder Persönlichkeit bleiben dabei gänzlich unbestimmt. Je genauer der Blick Einzelheiten auszumachen versucht, desto mehr entzieht sich das gesamte Bildensemble einer definitorischen Festlegung.
Die Figuren und Gegenstände sowie der Umraum sind auf der Bildfläche zu einer malerisch erzeugten, nicht auflösbaren Einheit miteinander verbunden. Petra Blocksdorf verwendet Eitemperafarben, die sie nach einer Grundierung Schicht um Schicht auf die Leinwand legt, bis eine trocken-stumpfe, jedoch intensiv farbige Oberfläche entsteht. Darin sind feine Pinselspuren ebenso zu erkennen wie ausgekratzte, erneut bearbeitete Stellen oder vereinzelte, schemenhafte Umrisse übermalter Partien, die das reduzierte Darstellungsrepertoire untergründig erweitern Tiefere Malschichten schimmern bis an die Oberfläche durch, verlieren sich allmählich in der feinkörnigen, leise bewegten Struktur der Bilder.
Eine überaus starke innere Spannung entsteht durch den Einsatz von vibrierendem Rot als Grundfarbe der meisten Bilder. In verschiedenen Abmischungen von Hellrose bis Schwarzrot, von Orange über Gelb bis Ocker, immer wieder ergänzt durch Grüntöne, dominiert die Farbe Rot den gesamten Bildraum. So wenig dieser durch eine exakte Perspektive illusionistisch hervorgerufen wird, so sehr entfaltet er sich mit überraschend starker Wirkung als Farbraum durch die Schwingungen der miteinander korrespondierenden Flächen, Schichten und Tönungen der spröde und doch homogen wirkenden Textur. Das pulsierende Wechselspiel aus roten Farbakkorden verleiht der vollkommen ins Innere verlegten Dramatik einen fast schmerzhaften und doch faszinierenden Ausdruck. Erst in der Künstlchkeit der rotfarbenen Inszenierung erhält das beiläufig, wie lapidar formulierte Bildgeschehen seinen eigentlichen Charakter. Das von der Malerin bevorzugte kleine Format fördert diese Wirkung erst recht - offenbar mühelos überwinden die Bilder die optische Distanz zum Betrachter, erreichen ihre höchste Präsenz gerade im weiten Abstand als objekthaftes Bildrelief auf einer freien Wandfläche. Die offensichtliche Diskrepanz zwischen den zurückgenommenen Bildmaßen und der suggestiven Ausstrahlungskraft verleiht den Arbeiten eine beeindruckende Nachhaltigkeit. (...)
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